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Frage, warum Frauen Netzwerke nicht ernst genommen nehmen

Am 27. Februar ist Equal Pay Day in Deutschland. Rechnerisch arbeiten Frauen bis zu diesem Datum unbezahlt, weil der Gender Pay Gap aktuell bei 16 Prozent liegt. Diese Zahl ist keine symbolische Provokation. Sie ist eine ökonomische Kennziffer. Sie beschreibt einen strukturellen Unterschied im durchschnittlichen Bruttostundenverdienst zwischen Frauen und Männern.


16 Prozent weniger Einkommen bedeuten nicht nur weniger Geld am Monatsende. Sie bedeuten geringere Vermögensbildung, weniger Rücklagen, geringere Investitionsmöglichkeiten, niedrigere Rentenansprüche und ein erhöhtes Risiko für Altersarmut. Der Equal Pay Day ist deshalb kein Aktionstag für Social Media. Er ist ein Indikator dafür, wie ökonomische Strukturen in diesem Land weiterhin wirken.


Gleichzeitig beobachten wir international und national ein Phänomen, das selten offen benannt wird: informelle Machtstrukturen. In vielen Branchen existieren weiterhin sogenannte „Boys’ Clubs“ nicht als offizielle Gremien, sondern als gewachsene Netzwerke, Empfehlungsketten, Hintergrundgespräche und strategische Allianzen. Entscheidungen fallen nicht ausschließlich in Sitzungsräumen. Sie entstehen oft vorher, in vertrauten Kreisen, in gewachsenen Beziehungen, in Netzwerken, die über Jahre gepflegt wurden.



Das ist kein Vorwurf, es ist eine Beschreibung von Realität und genau hier wird die Diskussion unbequem.


Wenn Karrierewege, Kapitalzugänge, Beförderungen und Aufsichtsratsmandate stark von Empfehlungssystemen und informellen Netzwerken abhängen, warum behandeln so viele berufstätige Frauen Netzwerke noch immer wie optionale Zusatztermine?


Die häufigste Antwort lautet: „Ich habe keine Zeit.“


Diese Aussage ist nachvollziehbar. Berufstätige Frauen organisieren parallel Erwerbsarbeit, mentale Alltagssteuerung, Care-Arbeit über Generationen hinweg, emotionale Verantwortung, Termine, Planung, gesellschaftliches Engagement. Die strukturelle Überlastung ist real. Die gesellschaftlichen Erwartungen an Leistung, Sichtbarkeit und Führungsfähigkeit sind gestiegen. Die strukturelle Entlastung ist es nicht.

Zeitknappheit ist kein individuelles Organisationsproblem, sie ist systemisch.


Doch genau an dieser Stelle entsteht ein strategischer Widerspruch: Gerade weil die Belastung strukturell ist, bräuchte es strukturelle Gegenräume.


Netzwerke sind kein Freizeitvergnügen, sie sind ein Machtinstrument, sie bündeln Informationen, sie beschleunigen Entscheidungen, sie schaffen Sichtbarkeit, sie erzeugen Vertrauen. Wer in belastbaren Netzwerken eingebunden ist, erfährt früher von Positionen, wird gezielt empfohlen, wird mitgedacht, wenn Projekte entstehen oder Mandate vergeben werden.


Wenn Frauen sich aus Netzwerken zurückziehen, verzichten sie faktisch auf einen strategischen Hebel. Nicht, weil sie es nicht könnten, sondern weil andere Prioritäten lauter sind.


Hier entsteht die eigentliche Frage: Ist der Gender Pay Gap ausschließlich ein Lohnproblem? Oder ist er auch ein Netzwerkproblem?


Viele Frauennetzwerke sind in den vergangenen Jahren als Impulsräume entstanden, mit Vorträge, Panels und Austauschabende. Das ist wichtig, aber einmalige Impulse verändern keine Struktur. Was Struktur verändert, ist Kontinuität, Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit. Eine Kultur des gegenseitigen Empfehlens, eine Haltung des Gebens und Nehmens.


Männer fragen zuerst ihr Netzwerk. Das ist keine Verschwörung, nein, das ist strategische Logik. Sie sichern sich gegenseitig Informationen, Kontakte, Aufträge, Positionen. Dieses Verhalten wird als professionell wahrgenommen. Wenn Frauen dagegen strategisch Netzwerke pflegen, wird es häufig als optional oder emotional eingeordnet.


Dabei geht es nicht um Emotionalität, es geht um Wirksamkeit.


Ein funktionierendes Netzwerk besteht aus zwei Elementen: offenen Räumen und festen Strukturen. Offene Formate ermöglichen Zugang, Perspektivwechsel, neue Impulse. Feste Gruppen schaffen Tiefe, Vertrauen und Verantwortlichkeit. Erst im Zusammenspiel entsteht Wirkung. Ohne offene Räume wird ein Netzwerk geschlossen, ohne Kontinuität bleibt es oberflächlich.


Der Equal Pay Day zeigt uns jedes Jahr, dass strukturelle Ungleichheit weiterhin existiert. Doch zwischen Erkenntnis und Veränderung liegt Handlung und Handlung braucht tragfähige Verbindungen.


Berufstätige Frauen sind heute so qualifiziert wie nie zuvor. Sie führen Unternehmen, gründen Start-ups, sitzen in Gremien, treiben Transformation voran. Gleichzeitig bleiben informelle Machtstrukturen stabil. Wer diese Realität ernst nimmt, kann Netzwerke nicht als Beiwerk betrachten.


Netzwerke sind keine Wohlfühlraume, sie sind Resonanzraum, sie ermöglichen Einordnung statt Empörung, sie bieten Austausch ohne Rechtfertigungsdruck und sie verbinden Erfahrung mit Strategie.


Der Gender Pay Gap wird nicht durch einen einzigen Aktionstag verschwinden. Er wird auch nicht durch symbolische Debatten geschlossen. Er wird reduziert, wenn Frauen systematisch Zugang zu Entscheidungsräumen erhalten und wenn sie die Instrumente nutzen, die dort wirken.


Die unbequeme Frage lautet deshalb nicht: Haben wir Zeit für Netzwerke? Sondern: Können wir es uns leisten, sie nicht strategisch zu nutzen?


Wenn wir strukturelle Ungleichheit ernst nehmen, müssen wir strukturelle Werkzeuge ernst nehmen. Netzwerke gehören dazu. Nicht als ein Event, nicht als Image, sondern als bewusste und kontinuierliche Praxis.

 
 
 

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